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Joy Goebel / Vincent

"Tut mir leid, daß Du es ausgerechnet von mir erfährst, aber Du wirst nie glücklich sein."  
Wenn ein Roman so anfängt, muß man ihn einfach weiterlesen.   
Foster Lipowitz, ein alter, todkranker Medientycoon, hat die Menschheit lange mit platter Unterhaltung überschüttet. Nun strebt er nach Widergutmachung. Aus hochbegabten Kindern will er echte Künstler machen. Und wer wahre Kunst schaffen will, der muß leiden. Dazu braucht es Leute, die ein wenig nachhelfen, denn schließlich leidet man nicht einfach so.

Harlan, einer der 'Beschützer' der Kinder, nimmt seine Arbeit sehr ernst. Er läßt seinen Schutzbefohlenen Vincent leiden, daß es eine Freude ist. Nur nicht für den Schutzbefohlenen selbst. Und es entsteht hohe Kunst. Doch ein ganz klein wenig glücklich wird Vincent am Ende doch. Das Glück ist eben doch für alle da.
Joey Goebels Buch zwischen Leichtigkeit und Schwermut ist für mich die Entdeckung des Jahres 2005.

Joey Goebel/ Vincent

Kristof Magnusson/ Zuhause

Weihnachten in Reykjavik soll für  Larus Ludvigson in diesem Jahr richtig toll sein. Er und Milan, Matilda und Svend. Leider hat Weihnachten oft etwas gegen Larus. Matilda hat sich von Svend getrennt. Und auch Milan wird nicht anreisen. Doch dann kommt es noch dicker. Larus ist laut isländischem Melderegister tot und kann sich deswegen keine Videos ausleihen. Und Dagur verliebt sich in Larus und rast kurz darauf mit seinem Defender in eine Raststätte. Selbstmord? Larus hat damit nichts zu tun, kommt aber einem Geheimnis auf die Spur und verwickelt sich in eine Familiengeschichte, die ihn mit seiner isländischen Herkunft auf eine Weise konfrontiert, die er sich nie hätte träumen lassen.   

Große Leichtigkeit, subtiler Humor und hinreißende Dialoge prägen diese wilde Geschichte aus dem Großstadtleben am Polarkreis. Fast eine Familiensaga, spannend wie ein Krimi und nebenbei auch eine schwule Liebesgeschichte, die fast ohne das Wörtchen 'schwul' auskommt.   

Im übrigen: die Gesellschaft für Liebeskranke gibt es tatsächlich:
www.lovepangs.com/

Kristof Magnusson/ Zuhause

Charles Bukowski/ Den Göttern kommt das große Kotzen

Der schmutzige alte Mann zeigt in diesem Tagebuch eine wunderbare Mischung aus Altersweisheit und Alterstarrsinn. Dafür kann man ihn nur lieben. Lieber Gott: mach daß ich mit 70 Jahren wenigstens über einen Bruchteil dieser Größe verfüge.

»Einige Zeit nach meinem Tod werde ich richtig entdeckt. Alle, die mich zu Lebzeiten gefürchtet oder gehasst haben, finden mich jetzt ganz toll. Meine Worte sind überall. Clubs und Gesellschaften werden gegründet. Man macht mich viel mutiger und begabter, als ich es gewesen bin. Es wird übertrieben. Sogar den Göttern kommt das große Kotzen. Die menschliche Rasse übertreibt alles. Ihre Helden, ihre Feinde, ihre Bedeutung.«

Charles Bukowski

Nick Hornby/ Long Way Down

Vier Menschen treffen sich Silvester auf dem Dach eines Hochhauses in London, um sich das Leben zu nehmen. Aus mehr oder weniger trifftigen Gründen. Gegenseitig übereden sie sich, mit dem finalen Sprung noch bis zum Valentinstag zu warten. Und so unterschiedlich sie auch sein mögen: irgendwie machen sie einander klar, daß ihr Leben doch wertvoller ist, als es mal einfach so vom Dach zu werfen.

Als ich das Buch 'erwarb', war ich wegen Liebeskummers auch in selbstmörderischer Stimmung. Um ihr nicht nachgeben zu müssen, suchte ich mir einen anderen Kick und wurde prompt vom Ladendetektiv erwischt, als ich mit dem Teil unterm Arm die Buchhandlung verließ. Ein Loser, der ein Buch über Loser klaut. Naja, ich kam glimpflich davon. 50 € Bearbeitungsgebühr. 50 € an die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger - und der Ladenpreis. Mein teuerstes Buch bisher.    Ich überlebte es. Martin und Maureen, JJ und Jess auch.

Nick Hornby/ A Long Way Down

Andrea de Carlo/ Arcodamore

Sich nie wieder von den Gefühlen mitreißen lassen ist ein Vorsatz, den wir vielleicht alle schon einmal hatten. Der erfolgreiche Fotograf Leo glaubt nach einer gescheiterten Ehe daran, das sei so einfach. Aber er rechnet nicht mit der eigenwilligen Harfenistin Manuela, die den Vierzigjährigen alle Vorsätze vergessen läßt. Nie mehr, nie mehr, nie wieder? - Denkste: Die beiden verwickeln sich in eine Beziehung, die man nicht und doch selbst erleben  möchte. Heftige Verzückungen wechseln sich ab mit ebenso heftigen Wutanfällen. Neben viel Nähe gibt es Erpressungen, Drohgebärden und Verwüstungen. Wenn Leidenschaft Liebe ist, die Leiden schafft - hier bitte schön - ist sie.

Und man möchte sie erleben, diese Leidenschaft, so wie sie im Buche steht. Oder doch lieber nicht? Na ja, ich denke an meine eigenen Liebeskrimis. Ähnlichkeiten waren bestimmt nicht beabsichtigt. Aber offensichtlich unumgänglich. Und wem das noch nicht reicht: De Carlo ist ein Vielschreiber. Liebeschaos gibt es in jedem seiner Bücher.

Andrea De Carlo/ Arcodamore


Armistead Maupin/ Stadtgeschichten (in sechs schönen Bänden)

Wenn es eine literarische Seifenoper gibt: Hier ist sie. Maupins Stadtgeschichten sind vom feinsten. Und die Bewohner, die in Anna Madrigals Haus in der Barbary Lane 28 in San Francisco unterkommen, haben eine Menge 'Gute Zeiten Schlechte Zeiten' miteinander - aber das auf hohem Niveau. Michael Tolliver und Mary Ann Singleton schlittern aus einer Tragödie in die nächste Komödie, und was ihnen da in San Francisco widerfährt, ist zu Totlachen und zum Heulen unheimlich schrecklich furchtbar wunderschön. Alles ist so komisch, traurig, herzzerreißend, melancholisch, irrwitzig und spannend wie in unserem eigenen Leben auch.

Und so, wie wir von unserem eigenen Leben meist nicht genug bekommen können (auch wenn wir manchmal genug davon haben), kriegt man nicht genug von diesen Geschichten. Maupin läßt uns die Menschen aus Miss Madrigals Haus liebgewinnen. Dumm nur, daß irgendwann "Schluß mit Lustig" ist. Die sechs Bände erschienen 1995 sechs Monate hintereinander als Rowohlt- Taschenbuch. Man weiß ja, wie das mit dem Geld ist. Am Ende des Geldes ist immer noch so viel Monat übrig. Mit den Stadtgeschichten ging es mir ähnlich: am Ende des einen Bandes war immer noch so viel Monat übrig bis zum Beginn des nächsten Bandes.

Vorsicht: Suchtpotential!

Maupin/ Stadtgeschichten

Maupin/ Noch mehr Stadtgeschichten

Maupin/ Schluß mit lustig


James Baldwin/                     Eine andere Welt

Ich war 18 oder 19, als mir dieser Roman anempfohlen wurde. Und ich war hin und weg davon. Warum? Weil dort ganz genau von meinen Sehnsüchten und Wünschen geschrieben wurde. Und was wünscht man sich mehr, als Freundschaft und Liebe?

So komplex der Roman Baldwins auch ist: die Freundschaft, die Rufus, einen schwarzen Jazzmusiker, und Vivaldo, einen  nichtveröffentlichten Schriftsteller, verbindet, wurde irgendwie zum Sinnbild der Möglichkeiten und der Grenzen von  Freundschaft für mich. Außerdem las ich davon, wie verdammt schwer es ist, einen guten Roman zu schreiben, und wie leicht es ist, an diesen Versuchen zu verzweifeln.Und daß man sich nicht entmutigen lassen muß.

Vor allem aber las ich diese Liebesgeschichte zwischen Eric und Yves. Wie die beiden in einem  Haus an der französischen Atlantikküse - oder war es am Mittelmeer? - für ein paar Monate ihre Liebe leben. Es gab also noch andere Männer, die sich nach der Liebe eines Mannes sehnten. Und ganz offensichtlich war Liebe zwischen zwei Männern durchaus machbar. Ich hatte immer geglaubt, mit mir stimme etwas nicht. Nun wußte ich: genau das will ich auch haben. Fragte ich mich doch wie Vivaldo: "Wie kannst du leben, wenn du nicht lieben kannst? Und wie kannst du leben, wenn Du liebst?" - Heute, etwa ein Vierteljahrhundert nach der ersten Lektüre, bin ich immer noch dabei, mir diese Frage zu beantworten.

James Baldwin/ Eine andere Welt

Doris Dörrie/                            Was machen wir jetzt ?

Wenn eine Frau den Blick für Männer hat, dann ist es Doris Dörrie. Und sie kann schreiben. Über Männer. Und - wie in diesem Roman - aus deren beschränkter Sicht. Der 45- jährige Fred Kaufmann jedenfalls entblößt sich hier - meist unfreiwillig - vor uns. Als ehrlicher aufmerksamer männlicher Leser in der midlife crisis schlägt man sich betroffen an die Stirn: "Oh, Mann, ist das mit mir genau so schlimm?" Frau Dörrie würde sagen: "Ja, so schlimm ist das mit Ihnen." Und tröstlich hinzufügen: " Aber schlimm ist das nicht."

Es gibt sie, die einfühlsamen Frauen, die die Schwächen der Männer ertragen und auf die Schippe nehmen, ohne sie lächerlich zu machen. Diese Frauen finden sogar einen eigenwilligen Charme in diesen Schwächen. Und, Männer, es gibt noch Hoffnung für Euch. Auch jenseits der vierzig. Auch wenn Eure Kinder Euch nicht verstehen. Oder Ihr Eure Kinder nicht versteht. Auch wenn Eure Ehen oder Partnerschaften nicht mehr funtkionieren.

Laßt Euch dieses Buch schenken von Euren einfühlsamen Frauen oder den mitleidenden Freunden. Wenn Ihr am Fuße der midlife crisis steht. Mit diesem Buch erfahrt Ihr spätestens auf deren Gipfel, "wie man glücklich ist, wenn man nicht glücklich ist."

Doris Dörrie/ Was machen wir jetzt?

Philippe Djian/ Rückgrat

Davon abgesehen, daß Djian so rasant schreibt wie kein anderer, hat er in diesem Roman seine für mich allerschönste Szene geschrieben: Dan taucht im Ferienhaus seiner besten Freundin Sarah auf. Dan ist Hermanns Vater. Hermann und Gladys, Sarahs Tochter, sind ein Paar. Und Gladys hat Richard, einen Bruder, der schwul ist. Aber Sarah hat Dobello, einen Lover, der schwule Stiefsöhne nicht ausstehen kann. Also schließt Dobello Richard in einem Schuppen ein, um ihm eine Lektion zu verpassen. Was Dan ziemlich unpassend findet, weshalb er aus Ermangelung des Schlüssels der Schuppentür diese mal ganz locker eintritt, um Richard zu befreien. Was Dobello wiederum nicht schmeckt. Weshalb Dobello dem abgängigen Richard eine Ohrfeige einschenkt. Was Dan wiederum nicht gefällt, so daß er meint, Dobello eine Lektion verpassen zu müssen, und ihm eine Gerade mitten ins Gesicht schickt. Und es plötzlich eine verdammt anregende Keilerei gibt. Aus der Dan, Richard, Hermann, Gladys als Sieger hervorgehen. Dobello aber nicht. Was Sarah ziemlich nachdenklich macht...War das gut zusammengefaßt? - Eher nicht. Was heißen soll: lieber das Original zu lesen. Ganz unbedingt.

Philippe Djian/ Rückgrad

Hans Scherer/ Remeurs Sünden

Zwei alte Herren in einem Krankenzimmer. Der eine spürt in beiden Schultern eine Todesdrohung, der andere erzählt ihm heilsam Geschichte: die Lebensbeichte des Jean Remeur.

Allen jungen Leuten, die hinter der gleichgeschlechtlichen Liebe her sind, sei dieses brillante Sittenbild ans Herz gelegt. Hier lest Ihr, wie es mal war in den fünfziger, sechziger, siebziger Jahren. Die ersten sexuellen Erlebnisse Remeurs am Düsseldorfer Rheinufer oder auf Sylt, die promiske und von den Ordnungshütern gedisste Szene der Bars, Saunen und Klappen in Frankfurt, Paris, London, die fragwürdigen Schwulenparties in Amsterdam.

Und doch: das Leben ist schön. auch wenn man als Außenseiter an den Rand gedrängt wird und den Makel des Außenseitertums selbstverliebt und gewinnbringend als ein Persönlichkeitsplus zelebrieren muß oder zelebrieren will.

Und wer als junger Schwuler heute meint, schwul sein könne man auch ohne Szene, kann hier nachlesen, daß es Zeiten gab, in denen man das nicht konnte, und: weshalb das so war.

Hans Scherer/ Remeurs Sünden

T. C. Boyle/                            Grün ist die Hoffnung

Drei verschrobene Typen wollen in den Bergen nördlich von San Francisco Marihuana anbauen, um ans ganz große Geld zu kommen. Den grünen Daumen hat von ihnen aber keiner so wirklich, und so sind sie grandios im Scheitern. Das Fazit des einen:

"Was sollte ich noch sagen. Wir waren Verlierer, arme Idioten, Dummköpfe erster Ordnung. Weder bestachen wir Politiker, noch erkundeten wir den Himmel - wir waren ja viel zu beschäftigt damit, vor unserem eigenen Schatten zu erschrecken und unseren Schuppen anzuzünden...Es war eine Riesenkomödie, diese Geschichte, richtiges Slapstick. Wir waren lächerlich, wir waren Narren, Dummköpfe, Phantasten..."

Aber wenn sich dann eine Gefährtin findet, die murmelt: "Ich dachte, Du könntest Hilfe gebrauchen", und die die Arme um einen legt...

T. C. Boyle/ Grün ist die Hoffnung

Michael Sollorz/                 Benjamins Tagebuch

Hat man es als Neunzehnjähriger wirklich gut, wenn man in der Provinz den Zug besteigt, nach Berlin zieht und glaubt, daß nun alles besser wird, daß jetzt das Leben beginnt?

Wer das wissen will, lese Benjamins Tagebuch. Der Junge begegnet Menschen, die er schätzen und mögen lernt, und die unterschiedlicher als er gar nicht sein können. Er macht Erfahrungen in der Szene, zieht durch Kneipen und Bars und verdient sein Geld am triefenden, stinkenden Imbiß des alten Kalusa. Natürlich lernt er diesen und jenen Mann kennen, aber vielleicht auch den einen, mit dem er allzu gern zusammenbleiben will?

Ach, Mann, dieser Lebenshungrige, der sich versucht und verzettelt, und der oft genug nicht weiß, "was der Tag soll."

Michael Sollorz/ Benjamins Tagebuch

© 2006 Steffen Tendler nach oben